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Presseandacht

Über den Jordan gehen

 

Über den Jordan gehen

 

Dieser Spruch hat in unseren Ohren einen komischen Klang. Er klingt nach unwiderruflichem Abschied. Und genau das bedeutete er auch vor zweitausend Jahren, als er geschrieben wurde. Doch Abschied nahmen sie damals nicht von Verstorbenen, sondern von ihrem bisherigen Leben.

Das alte Volk Israel war zu jener Zeit eine nomadisierende Großfamilie. Östlich des Jordan zog sie durch die Weidegebiete des heutigen Jordanien. An kargen Tagen träumten sie von einem Land, in dem Milch und Honig fließen, wo ihr Leben leichter und weniger gefährdet sein würde. Eines Tages würden sie es finden, Gott selbst hatte es ja versprochen. So hatten es ihre Alten erzählt und sie selbst würden es ihren Kindeskindern so weitererzählen: Eines fernen Tages werden wir unser Lebensglück finden und festhalten.

Als sie dann am Jordan standen, mag es ihnen bang gewesen sein. Am anderen Ufer lockte sie das Land mit seinen kleinen Dörfchen und Äckern, die das Überleben sicherten. Sie mussten sich nur noch über diese letzte Grenze wagen.

Wenn sie allerdings den Jordan überquerten, würde nichts mehr so sein, wie es bisher war. Bisher waren sie nur den Wegen ihrer Tiere und ihren eigenen Traditionen gefolgt. Doch ihre Erfahrungen würden auf der anderen Flussseite nur wenig gelten. Dort hatten Andere ältere Rechte über Weidegründe und Äcker; dort galten andere Werte und Grundsätze.

Durch den Jordan waren seinerzeit Trittsteine gelegt. Die Menschen konnten trockenen Fußes das seichte Wasser durchqueren. Aber, was heißt das schon! Undurchschaubar bleibt ja auf jeden Fall der Anfang auf der anderen Seite. Es muss sich erst noch zeigen, ob es schön ist, dauerhaft und sesshafte an einem Ort zu leben. Es könnte ja auch sein, dass die Sehnsucht übergroß wird nach der verlorenen Freiheit des Nomadenlebens jenseits des Flusses, im Sinne von: früher war alles besser. Was würde werden? Man weiß ja nicht mal, ob dort wohlmeinende Menschen sind. Wer würde sie einladen, wer würde sie hart wegschicken und ausschließen vom auskömmlichen Leben im fruchtbaren Land?

Über den Jordan gehen meint das alles zusammen: den Abschied von gewohnten Wegen, den beherzten Schritt in eine unbekannte Zukunft und auch das Herzklopfen wegen all des Unvorhersehbaren: des Fröhlichen wie des Erschreckenden. Historisch wissen wir, dass die Einwanderung der israelitischen Nomaden in das Land westlich des Jordan friedlich war. Alle Ängste und Befürchtungen erwiesen sich als nutzlos; die Menschen konnten sich arrangieren und in Frieden miteinander leben. Das kann auch heute und immer wieder bei jedem Schritt in die unbekannte Zukunft zwischen wohlmeinenden Menschen so sein. Gott sei Dank.

 

Pirina Kittel