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Presseandacht

 

Auf die Kraft des Glaubens und Weiterdenkens beharren

 

Ohne zu zögern

 

Frauen kommen in der Bibel nicht so deutlich vor. Das liegt an der selektiven Auswahl antiker Texte, die als maßgebende Texte galten. Morgen steht allerdings eine Frau im Mittelpunkt, die wir heute mit Fug und Recht als Managerin bezeichnen würden: Lydia, zu ihrer Zeit Großhändlerin in Philippi. Wir dürfen uns das sehr attraktiv vorstellen: Eine Frau, kraftvoll und energisch in jener Stadt voller Leben. Die Römer hatten sie ausgebaut, Handelsstraßen kreuzten sich, intellektuelle Auseinandersetzungen schärfen das Denken, religiöse Ideen werden ausgetauscht. Dazu trifft man sich auf dem Marktplatz. Hierzulande ist das schwer vorstellbar, doch zu Lydias Zeit fand ideenreiche Bildung öffentlich statt und war breit angelegt. Das wiederum würde auch uns heute in Mecklenburg gut tun!

Es war Lydias Erstbegegnung mit christlichen Gedanken dort auf dem Marktplatz. Sie hörte von Menschenwürde und von bedingungsloser Freundlichkeit Gottes. Sie verstand neu und wusste es längst, wie es Menschen verändert, die sich darauf einlassen: dass sie einander respektvoll und mit Nachsicht begegnen.

Lange zu zögern war nicht ihre Sache: Als Managerin machte sie „Nägel mit Köpfen“. Sie nötigt Paulus in ihr Haus. Sie will mehr wissen, will ausloten, was zu tun oder besser zu lassen ist - im Namen Gottes, nicht in ihrem eigenen Namen. Und sie beharrt auf der Kraft ihres Glaubens und Weiterdenkens.

Das beeindruckt mich. In Glaubenssachen sind wir eher zurückhaltend, mit dem Weiterdenken ist es so eine Sache. Das Leben ist komplex, also wurschteln wir uns durch Tage und Entscheidungen. Dabei wäre es dringend notwendig, dass wir heute öffentlich und unbeugsam über dringliche Fragen diskutierten: über Menschenwürde, über Unverfügbarkeit, über die obszöne Profitgier, die nichts respektiert.

Das waren nicht Lydias Themen. Aber im Namen einer ‚übermenschlichen‘ Kraft wollte sie konsequent anders leben. Übermenschlich wohl deshalb, weil auf uns Menschen nicht genug Verlass ist, wenn es um das Bewusstsein der Unverfügbarkeit und des sinnvollen Maßhaltens geht.

Lydia ließ sich taufen. Sie war damit die erste Christin Europas, wenn wir es so groß nennen wollen. Für mich überhaupt eine tolle Frau.

 

Pirina Kittel